Wort des Pfarrers
Es fällt der höchsten Bäume Laub
Jedes Jahr dürfen wir wunderbare Herbsttage erleben: Das langsam wogende Wolkenmeer, das weite Blau des Himmels, die goldgelbbraunroten Bäume und Büsche, das herbstlich warme Licht der Sonne. So schön, dass es einem das Herz erfüllt.
Und doch, dieser herbstlichen Schönheit wohnt eine Wehmut inne, die sonst keine Jahreszeit hat.
Schon am Abend, wenn die Sonne anderen Orten auf der Erde leuchtet und am Morgen früh, wenn sie noch nicht wieder gekommen ist. Dann wird es kalt und feucht, die Schuhe sind sofort nass, wenn man durchs Gras geht. Es ist unwirtlich. So dass man lieber drinnen bleibt in der geheizten Stube. –
Mit ihrer wehmütigen Schönheit erinnern uns die Herbsttage daran, dass alles Irdische vergeht. Das Leben zieht sich zurück, die Kühe sieht man nur selten noch draussen, die Stare und Schwalben sind weggezogen. Blumen, Büsche und Blätter verwelken. Tiere und Pflanzen ziehen sich für den Winter zurück.
Intuitiv spüren wir, dass dieses alljährlich sich wiederholende Schauspiel auch uns etwas angeht. Nicht nur als Zuschauer, die sich an der Schönheit des Herbstes freuen und es geniessen, in die warme Stube zu kommen, ein Feuer im Ofen zu machen, einen heissen Tee zu trinken. Nein, wir alle wissen es: Auch wir selber sind da mittendrin.
„Es fällt der höchsten Bäume Laub
und mischt sich wieder mit dem Staub,
von dannen es gekommen:
Ach Mensch, sei noch so hoch und wert,
du musst hinunter in die Erd,
davon du bist genommen.“
fasst ein schönes Herbstlied (RG 544) treffend diesen Zusammenhang in Worte.
Mit der Vegetation neigt sich jeweils auch das Kirchenjahr seinem Ende zu. Es ist ja verschiedentlich eng verbunden mit den Bewegungen in der Schöpfung. Im Herbst mit der Vergänglichkeit und dem Ende des Lebens.
Nicht nur die Blätter, auch das Dunkel der Tage, die länger werdenden Nächte, die weit in den Morgen und bis in den späten Nachmittag hineingreifen, sie mahnen uns, meist unbewusst, an das Dunkel des Grabes: „Du muss hinunter in die Erd“.
Und manche Witwe, mancher Witwer und andere alleinstehende Menschen spüren mehr als sonst ihre Einsamkeit, die wiederum ein Vorbote dessen ist, dass uns ins Grab kein Mensch begleiten kann. –
„Lehre uns bedenken dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden“, hat Mose vor etwa 3500 Jahren gedichtet (Psalm 91, 12).
Die Schöpfung in ihrer vergänglichen Herbstpracht hilft uns jedes Jahr dabei, wenn wir uns denn helfen lassen.
Auch die Texte im Gottesdienst haben in dieser Zeit vermehrt mit dem Ende zu tun. Dem unsrigen und dem der Welt. Am Ewigkeitssonntag gedenken wir ja jeweils namentlich noch einmal unserer Verstorbenen.
Die Bibel sagt: Wir Menschen müssen sterben, weil wir gegen unseren Schöpfer gesündigt haben. –
Wenn wir uns das sagen lassen und demütig annehmen, dann sagt sie uns auch anderes. So tröstlich und über alles Verstehen gross, dass auch der schönste Frühling es uns nicht ins Herz legen könnte:
Sie sagt uns, dass unser Schöpfer uns liebt und sich in Jesus Christus über uns erbarmt hat und noch will. Er ist ewig und will uns an seinem ewigen Leben Anteil geben, davon dieses irdische Dasein nur ein schwacher Abglanz ist.
All das Kleine und Grosse unseres Lebens, das Fröhliche und Schöne, das Leidvolle und Schändliche, er weiss darum. Es ist nicht vergessen, auch wenn wir längst vergangen sein werden. Am Ende der Zeit wird der Schöpfer es wiederbringen und sein gerechtes Urteil darüber sprechen. Und er hat versprochen, dass er diejenigen, die er getauft hat aus Gnade, die ihm geglaubt und zu ihm gebetet haben um seine Vergebung, heraufführen wird aus dem Staub des Todes in seine erneuerte Schöpfung. Wo er selbst, der Schöpfer des Himmels und der Erde „bei ihnen wohnen wird und abwischen alle Tränen von ihren Augen“ (Offenbarung 21, 4). –
Dieses gewaltige Versprechen leuchtet in das Dunkel der langen Nächte, unseres Leben und des Todes. Und wir können getrost sein und warten, bis es soweit ist.
Etwas davon fasst wiederum schön und treffend das Lied:
„Doch wie der Landmann seine Saat
ausstreuet, eh der Winter naht,
um künftig Frucht zu sehen:
So, treuer Vater, deckest du
auch unsern Leib mit Erde zu,
dass er soll auferstehen.“
Pfarrer David Mägli
Quelle: Hondwiler Plättle 4. Quartal 2026