Jakob Künzler 1871-1949

Jakob Künzler wird zu Recht hoch geachtet als ein aussergewöhnlich geschickter, einsatzbereiter und umsichtiger Vertreter der Schweizerischen Hilfsbereitschaft. Er dokumentierte atemberaubend sachlich den vieltausdenfachen Mord an den Armeniern im Jahr 1915 und wurde nach dem 1. Weltkrieg mit seiner Frau Elisabeth zusammen zum Retter und Tröster von 8000 Waisenkindern.

Künzler wurde am 8.März 2021 im Rothuus (heute Sonnenfeld) in Hundwil geboren.
Die Familie zog nach Teufen, wo der Vater starb, als Köbi erst vier Jahre alt war. Die sechs Halbwaisenkinder kamen zu Verwandten, Köbi eine kurze Zeit lang zurück zu Onkel und Tante in Hundwil. Er war froh, bald schon wieder zu seiner Mutter zurückzukehren. Seinem Lehrer in der Volksschule Teufen blieb er zeitlebens dankbar dafür, dass er in ihm die Freude am Lernen weckte. Er war elfeinhalb Jahre alt, als auch seine Mutter starb. Nach einigen unglücklichen Jahren sah er sich geborgen und geliebt bei seinen Grosseltern und seinem Götti in Stein. Bei diesem lernte er das Handwerk des Zimmermanns. Er wurde von Pfarrer Meier unterwiesen und in der Kirche Stein konfirmiert.

Auf der Walz in Basel lernte er „Diakone“ kennen: Eine Gemeinschaft von Männern, die in einer frommen Basler Stiftung solide Kenntnisse in der Krankenpflege und in der Kunst der Seelsorge erwarben. Künzler wurde in ihren Kreis aufgenommen. Im Basler Bügerspital gewann er mit seiner robusten Präsenz und seinem trockenen Humor die Achtung und Dankbarkeit der leitenden Ärzte. Einer von ihnen, Herman Christ, übernahm nach dem Massaker an den Armeniern 1895 die Leitung einer kleinen Klinik der „Orientmission“ in Urfa (in der heutigen Türkei). Schon bald bat er darum, ihm einen tüchtigen Helfer zu schicken, „am liebsten den Appenzeller Künzler“. 1899 kam Künzler nach Urfa und wurde in kurzer Zeit zum Gesicht der Klinik. Er lernte rasch, sich auf Türkisch, Armenisch, Arabisch, Kurdisch und Englisch zu verständigen, bewährte sich bei Tag und Nacht in der Krankenpflege und fand Freunde in allen Volksgruppen. Der systematischen Verschleppung und Ermordung der armenischen, syrischen und griechischen Minderheit konnten auch er und seine Frau nur wenig entgegensetzen. Seine Berichte wurden 1921 publiziert unter dem Titel „Im Land des Blutes und der Tränen“. Sie gelten bis heute als eines der wichtigsten Zeugnisse dessen, was man später den ersten Völkermord der Moderne genannt hat.

Bald zeigte sich, dass der Diktatfrieden von Sévres der Machtentfaltung des türkischen Nationalstaates nicht standhalten konnte. Das Leben der vielen armenischen Waisenkinder war akut gefährdet. Jakob und Elisabeth Künzler erhielten vom American Near East Relief den Auftrag, diese Kinder in den Libanon in Sicherheit zu bringen. In Trecks mit jeweils gut hundert bis fünfhundert Kindern gelang es ihnen, insgesamt 8000 Kinder in Sicherheit zu bringen, durch Gebiete hindurch, in denen es kaum funktionstüchtige Transportmittel und keine Rechtssicherheit gab. In Ghazir wurden sie für 1004 Waisenkinder zu „Mama und Papa Künzler“. Sie sorgten dafür, dass die Kinder ein Handwerk lernen und erste Schritte in ein eigenständiges Leben tun konnten. Bis heute erzählen Nachkommen dieser Kinder dankbar von der energischen, herzlichen, humorvollen Fürsorge Künzlers.

Mit Hilfe eines grossen Untersützerkreises in der Schweiz gründete Künzler in Beirut eine Siedlung für armenische Witwen, ein Heim für Blinde und Versehrte und schliesslich ein Sanatorium für Tuberkulosekranke.

Am 17. Januar 1949 starb Künzler in Ghazir, zwei Tage später wurde er in Beirut feierlich beigesetzt. Auf den Tag genau neunzehn Jahre später starb seine Frau Elisabeth.

Ein kurzer Ausschnitt aus einer amerikanischen Wochenschau zeigt Jakob Künzler fröhlich mit armenischen Waisenkindern spielen. Beirut im Jahr 1924.
https://www.youtube.com/watch?v=-Ar6dpBflfc

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